Erinnerung wachhalten

„Entjudung“ in Theologie und Kirche bis 1945

Kreis Lippe. Am 9. November jährt sich die Reichspogromnacht zum 74. Mal. Die Nacht, in der in Deutschland Synagogen, jüdische Geschäfte und Bücher brannten. Mit Kranzniederlegungen und Gedenkfeiern wird in Lippe der Ereignisse gedacht. Es ist wichtig, die Erinnerung wach zu halten und daraus zu lernen, sagt Dr. Oliver Arnhold, Lehrer am Grabbe-Gymnasium Detmold, Dozent an den Universitäten Bielefeld und Paderborn und Fachleiter für Ev. Religionslehre am Studienseminar Detmold.

Herr Arnhold, wie kann eine Erinnerungskultur heute aussehen?

Dazu gehört zum Beispiel, mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen und ihre Aussagen in Filmen und Dokumenten zu sichern, schulische Projekte mit Jugendlichen, Austausch mit Menschen in Israel und wissenschaftliche Beschäftigung mit der NS-Zeit. All dies kann helfen, die Erinnerung wach zu halten und heutige Unrechtsstrukturen zu erkennen.

Sie haben ein Buch verfasst, „Entjudung - Kirche im Abgrund“. Worum geht es?

Auf der Grundlage einer Entschließung von elf evangelischen Landeskirchen wurde 1939, ein halbes Jahr nach der Reichspogromnacht, in Eisenach das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ gegründet. Die dort tätigen Theologen wollten den für uns heute abwegigen Nachweis führen, dass Jesus gar kein Jude gewesen sei, um Kirche und Theologie dem Nationalsozialismus anzupassen. Sie haben das Neue Testament überarbeitet und alle jüdischen Bezüge herausgenommen, ein „entjudetes“ Gesangbuch und einen antijüdischen Katechismus verfasst.

Haben sie damit bei den Nazis etwas erreicht?

Nein. Die NSDAP, die sich 1933 noch kirchenfreundlich gab, weil sie die Kirchen auf dem Weg zur Machtstabilisierung brauchte, hatte inzwischen das Interesse verloren. Die Gleichschaltung war durch die Entstehung der Bekennenden Kirche und der damit verbundenen Spaltung in der ev. Kirche gescheitert. Mit Hilfe des Instituts versuchten Theologen eine Synthese von Christentum und Nationalsozialismus, aber ohne Erfolg. Dies rettete allerdings nach 1945 manchem Mitarbeiter die Karriere: „Die Nazis waren gegen uns“, und „wir haben doch nur versucht, eine Form von Christentum lebensfähig zu halten“, waren ihre Rechtfertigungen. Einige haben später wieder ein Pfarramt bekommen, andere waren wissenschaftlich tätig, so wie Walter Grundmann als bekannter Kommentator des Neuen Testaments. Seine rassistischen Theorien hat er nach 1945 fallen gelassen, aber seinen Antijudaismus, seine religiös begründete Judenfeindschaft, hat er nicht abgelegt.

Wie kam es zur Aufarbeitung in der Kirche?

Die war dadurch erschwert, dass Institutsmitarbeiter nach 1945 wieder führende Posten innerhalb der evangelischen Kirche und der ev. Fakultäten an den Universitäten bekleideten. Die Geschichte des Instituts wurde erst in den 90er-Jahren wissenschaftlich erforscht und etwa zeitgleich setzt sich auch in der Kirche die Sichtweise durch, dass das Judentum nicht die Feindin, sondern die Wurzel des Christentums ist. Nach der Wiedervereinigung waren Akten in der ehemaligen DDR zugänglich, die halfen, die Geschichte des „Entjudungsinstituts“ zu erforschen.

Inwieweit fand die kirchliche „Entjudung“ ihren Weg nach Lippe?

Es gab natürlich auch in Lippe Deutsche Christen, die von dem kirchlichen „Entjudungsprogramm“ überzeugt waren. So hat auch ein Exemplar des „entjudeten“ Neuen Testaments seinen Weg in die Theologische Bibliothek der Lippischen Landeskirche gefunden.

Arbeiten Sie aktuell an dem Thema weiter?

Derzeit erarbeite ich zusammen mit Studierenden, dem Schulreferenten der Lippischen Landeskirche, Andreas Mattke, und Harald Schroeter-Wittke, Professor in Paderborn, eine szenische Lesung zum Thema, die auf dem Ev. Kirchentag im Mai 2013 in Hamburg aufgeführt werden soll. Ferner ist ein Unterrichtsmodell für die gymnasiale Oberstufe in Planung.



 

09.11.2012