„Die Inselsituation fühlen“

Gebärdensprache Thema in der Projektwoche des Leopoldinums

Sibel Bostanci und Bernd Joachim unterhalten sich vor den Schülerinnen und Schülern des Leopoldinums sowie Direktorin Jutta Posselt (rechts) in Gebärdensprache.

Detmold. Ganz ruhig ist es hinter der Tür eines Klassenzimmers im dritten Stock des Gymnasiums Leopoldinum in Detmold. Man könnte ein Blatt fallen hören. Und doch: es wird geredet. Sibel Bostanci, Dozentin für Gebärdensprache und selbst gehörlos, gestikuliert, bewegt ihre Lippen und lässt ihr ganzes Gesicht sprechen. Aufmerksam „hören“ neun Schülerinnen und Schüler zu: sie sind Teilnehmende an dem Projekt Gebärdensprache in der Projektwoche des Leopoldinums.

Bereits nach dem ersten Vormittag beherrschen die Schülerinnen und Schüler einige Gebärden. Jeder, der das Projekt als Außenstehender besucht, wird im Raum erst mal mit neugierig auf sich gerichteten Gesichtern, mit stoischer Ruhe und Gebärden empfangen: eine beunruhigende Situation.

Gertrud Fasselt, Lehrerin und Initiatorin des Projekts: „Wir wollen dadurch vermitteln, wie einsam man sich fühlt in einer Umgebung, die sich völlig fremd verhält. Besucher sollen die Inselsituation fühlen.“ Insgesamt fünf Tage lang werden sich die jungen Leute mit Gebärdensprache beschäftigen, unterrichtet von Sibel Bostanci. In der Projektbeschreibung sind die Ziele zusammengestellt: gewünscht wird ein selbstverständlicher und bewusster Umgang mit Menschen, die anders sind, die man in der Öffentlichkeit kaum wahrnimmt, obwohl es erstaunlich viele sind. Es soll ein Gefühl entwickelt werden für die Grundproblematik Gehörloser: zum Beispiel soziale Isolation, keine Musik, kein Telefon, Fernsehen ohne Worte. Außerdem können die Schüler die Gebärdensprache als „normale“ Fremdsprache entdecken, mit Vokabeln, die man lernen muss, eine Sprache, die man studieren kann. Zum Abschluss, nächste Woche bei der Projekt-Präsentation, sollte jeder Schüler eine Geschichte gebärden können.

Bernd Joachim, zuständig für Hörgeschädigtenarbeit im Diakonischen Werk der Lippischen Landeskirche, besucht das Projekt und erzählt, dass er Beratung für Hörgeschädigte in ganz Lippe macht. „Wir versuchen einen Brückenschlag zu bauen zwischen der hörenden und der gehörlosen Welt“. Neben der Beratung gibt es einen Gehörlosentreff oder auch Gebärdensprachkurse an der VHS, wo auch Sibel Bostanci unterrichtet.

Bernd Joachim arbeitet auch zusammen mit Pfarrer Uwe Sundermann, zuständig für Gehörlosenseelsorge und Pfarrer Frank-Günther Hochgreff, Beauftragter für Seelsorge an Schwerhörigen, die beide spezielle Gottesdienste anbieten. Die Hörgeschädigtenarbeit in Lippe bekannt zu machen, ist ein Anliegen aller der in diesem Bereich Engagierten. Bernd Joachim: „Wir wollen auf die Situation von Hörgeschädigten und unsere Angebote aufmerksam machen.“

14.06.2007

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