Weggeschlossen und vergessen?

Ehrenamtliche Betreuungsarbeit im Knast

Ehrenamtliche des Freundeskreises der Gefangenenseelsorge e.V. mit Betreuungsprofis im Hof der Sozialtherapeutischen Abteilung: Kurt Podworny, Manfred Möller, Ruth Krawehl, Erhard Goeken, Diplom-Psychologe Winfried Schmidt, Karin Podworny, Abteilungsleiter Rudolf Kleibl, Sonja Greff. (von links)

Detmold. Das Haus ist unauffällig. Ein großes unscheinbares Gebäude mit langen Fensterreihen, die von innen vergittert sind. Eine mit Grünpflanzen sehr offen gestaltete Zufahrt führt zum Eingang. Einladend und abweisend zugleich präsentiert sich die Justizvollzugsanstalt (JVA) Detmold, in der zurzeit etwa 160 Gefangene ihre Strafe verbüßen. Weggeschlossen und dann vergessen? Die Mitglieder des Freundeskreises der Gefangenenseelsorge tun alles, um das nicht wahr werden zu lassen.

 „Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen“. So steht es in der Bibel bei Matthäus. Für Anneliese Podworny eine Aufforderung zum Handeln: „Ich wollte aus meinem christlichen Glauben heraus etwas für Menschen tun, die keine Lobby haben“, erklärt sie ihr Engagement für Straffällige. Seit 1995 gibt es in Detmold den Verein Freundeskreis der Gefangenenseelsorge. Seitdem unterstützen die engagierten Ehrenamtlichen die Arbeit der Gefängnispfarrer, bieten Gesprächsabende für alle Gefangenen  an, arbeiten ganz konkret als Betreuer, helfen mit Zeitungsabonnements und Paketen, oder spenden schon mal Pflanzen für eine Kräuterspirale. Die steht im Hof der Sozialtherapeutischen Abteilung der JVA, wurde im Rahmen eines gemeinsamen Projektes von den 14 Häftlingen der Abteilung errichtet, und liefert Grünes für die Kochgruppe.

Heute steht ein Besuch des Freundeskreises in der Sozialtherapeutischen Abteilung auf dem Programm. Abteilungsleiter Rudolf Kleibl holt die Besucher am Rolltor ab. Ein abgekürztes Prozedere gegenüber dem Einzeleinlass. Lediglich die Handys werden von den Justizvollzugsbeamten verwahrt. Für die Mitglieder des Freundeskreises ist das alles fast schon Alltag. Sie sind hier oft schon seit vielen Jahren aktiv. Ihre Arbeit wird geschätzt. „Die Mitglieder des Vereins leisten unkomplizierte Hilfe unter Bedingungen, die notwendigerweise sehr formal sein müssen“, erläutert Abteilungsleiter Rudolf Kleibl und bringt damit einen dezenten Hinweis auf die Aufgaben einer Justizvollzugsanstalt und die damit verbundenen Zwänge unter. Die sind vor Ort ganz konkret als Fenstergitter, Zellentüren mit unübersehbaren Schlössern und Justizpersonal, allerdings ohne Uniform, auszumachen. Aber da sind auch die sorgfältig gepflegten Blumen in Kübeln und auf Fensterbänken, das Sofa, das kleine Bücherregal. Alles Versuche, den vorübergehend zum Zuhause gewordenen Knast etwas wohnlicher zu gestalten.

Kuchen und Kaffee warten schon, die 14 Bewohner der Abteilung haben sich Mühe gegeben. Alle Besucher werden von allen Gefangenen mit Handschlag begrüßt. Aber das ist kein Kaffeeklatsch unter Freunden und Verwandten.

Hier verbüßen Gewalt- und Sexualstraftäter ihre Strafe. Sie haben ihre Taten gestanden, sie sind belastbar, haben keine psychotischen Erkrankungen und ausreichende Motivation, an ihrer Situation zu arbeiten. Das sind Voraussetzungen für eine Aufnahme in der sozialtherapeutischen Abteilung. Sie durchlaufen hier Programme, in denen sie lernen, ihre Taten nicht zu beschönigen, das Leiden ihrer Opfer zu erkennen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Ihre Entscheidung. Mit einem schriftlichen Kontrakt besiegelt und für Therapeuten und Gefangene sicher kein Zuckerschlecken, auch wenn hier fast alles auf den ersten Blick nach heiler Welt aussieht. „Man kann es sich auch einfach machen und sich wegschließen lassen. Wir stellen uns hier unseren Problemen“, meint der Gefangene K. Mit seiner Betreuerin, Ute Windmann, verstehe er sich gut, und die Betreuung sei ein zusätzlicher Schritt auf dem Weg zurück, sagt er. „Betreuer sind ein wichtiges Behandlungselement. Davon hat man nie genug. Sie helfen mit, die Isolierung des Gefangenen aufzubrechen, damit er am Tag X auch am Leben draußen wieder teilnehmen kann“, ergänzt Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Winfried Schmidt.

Nach einem Gedankenaustausch bei Kaffee und Kuchen und einem Abstecher zur Kräuterspirale im Hof der Abteilung C, führt der Weg an Blumen und Zellen vorbei wieder nach draußen. Das fanden alle interessant. Einig sind sie sich aber, dass das nicht der Alltag war, den die Betreuer bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit sonst erleben. Kurt Podworny betreut seit Jahren Straffällige. Betreuung sei keine leichte Aufgabe. Sie erfordere viel Arbeit und es gebe auch einige große Enttäuschungen, merkt er an. Er schöpft Kraft aus seinem Glauben, aus kleinen Erfolgen, aus Gesprächen mit den anderen Vereinsmitgliedern und einer gewissenhaften Vorbereitung – und es macht ihm auch Spaß. Lohnt sich die Arbeit? „Wenn ich diese Arbeit zehn Jahre mache und nur einer ist dadurch nach seiner Haft draußen wieder zurechtgekommen, dann hat sich das schon gelohnt“, sagt Anneliese Podworny. Erhard Goeken, mit Manfred Möller Vorstand des Vereins, wird etwas grundsätzlicher: „Wir stehen für ein Stück Menschlichkeit im Knast. Die Betreuungsarbeit ist in letzter Zeit zurückgefahren worden. Die Arbeitsmenge steigt, aber die Zahl der Beschäftigten bleibt. Es fehlt an Leuten und an engagierten Programmen. Das ist eine höchst brisante politische Angelegenheit“, meint er. Ein Grund mehr für den kleinen Detmolder Freundeskreis der Gefangenenseelsorge, mit dem bundesweit organisierten Schwarzen Kreuz zu kooperieren. Dieser „Verein für Christliche Strafffälligenhilfe“, Mitglied im Diakonischen Werk und in der „Evangelischen Konferenz für Straffälligenhilfe“, biete den professionellen Rahmen und die Unterstützung, die ein Betreuer für seine Arbeit brauche. Beste Voraussetzungen für Menschen, die helfen wollen. Dass davon noch viele gebraucht werden, darüber sind sich Ehrenamtliche und Betreuungsprofis einig. Der Freundeskreis für Gefangenenseelsorge e.V. freut sich über jeden, der mitarbeiten will, und über jede fördernde Kirchengemeinde. Kontakt: Gemeindebüro der Versöhnungskirche Detmold, Tel: 05231-69180.

11.04.2007

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