Preisgekrönter Film mit Folgen

„Lost Children“-Regisseur Ahadi mahnte zum Frieden

Pfarrer Holger Teßnow (links) moderierte das Publikumsgespräch mit Regisseur Ali Samadi Ahadi.

Kreis Lippe/Lemgo. In ihrem Dokumentarfilm „Lost Children“ haben die beiden Regisseure Ali Samadi Ahadi und Oliver Stoltz vier ehemalige ugandische Kindersoldaten, ein Mädchen und drei Jungen im Alter von acht bis 14 Jahren, über Monate einfühlsam mit der Kamera beobachtet. Im Rahmen der Ökumenischen Friedenstage wurde der Film am Sonntag, 19. November, im Lemgoer Gemeindezentrum St. Nicolai gezeigt. Im Anschluss an die Vorführung bestand die Möglichkeit zum Gespräch mit Ali Samadi Ahadi.

„Lost Children“ ist ein bewegender Film über die gemeinste Form des Kriegs: den Einsatz von Kindern als Soldaten. Kinder werden entführt, bewaffnet und gezwungen, zu kämpfen und zu töten. Der Film erlaubt einen teilnahmsvollen Blick in den Alltag dieser Kinder und ihrer Familien in den Flüchtlingslagern Nord-Ugandas, wo seit 20 Jahren Krieg herrscht.

Regisseur Ahadi berichtete in Lemgo, wie er und sein Partner Oliver Stoltz mehrere Monate im Kriegsgebiet verbrachten. Sie begleiteten die Kinder nach deren Flucht aus den Buschlagern der kriminellen Rebellenarmee „Lord’s Resistance Army“ bei der schwierigen Wiedereingliederung in ihre Clansgesellschaft. Der Film schildert den Alltag ugandischer Sozialarbeiter. Diese riskieren in einem Auffanglager für Flüchtlinge und Kindersoldaten fast jeden Tag ihr Leben in der Hoffnung, dass ihre Arbeit dazu beiträgt, dass die Kinder ihren Platz im Leben wieder finden.

Die Filmemacher führten Interviews mit über 30 Kindern, bis sie sich dann auf die vier konzentrierten, die im Film zu sehen sind. „Lost Children“ wurde zwischen September 2003 und Mai 2004 gedreht. Um nicht zur Zielscheibe der Rebellen zu werden oder der drastischen Zensur der Regierung zu unterliegen, bereisten Ahadi und das übrige Team Nord-Uganda inkognito mit kleinem Equipment und der Unterstützung der örtlichen Caritas Gulu. Caritas Gulu ist eine lokale Hilfsorganisation der katholischen Kirche, die von Acholis (Angehörige des in Nord-Uganda lebenden Stammes) geleitet wird. Zwei Tage nach der Abreise des deutschen Filmteams im Oktober 2003 wurden der Drehort Pajule und das benachbarte Auffanglager von den Rebellen angegriffen. Dabei starben fast 20 Menschen und über 240 wurden entführt.

„Lost Children“ wurde vor Jahresfrist bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2005 uraufgeführt. Mit der durch den Film ausgelösten medialen Aufmerksamkeit habe er zu keiner Zeit gerechnet, berichtete Ali Samadi Ahadi in Lemgo. Der vielfach preisgekrönte Film lief auf mehr als 20 internationalen Filmfestivals und erhielt den Deutschen Filmpreis 2006 in der Kategorie Dokumentarfilm. Der kanadische Premierminister schaute sich „Lost Children“ vor einem Staatsbesuch in Uganda an. Sondervorführungen gab es für das Europaparlament, den Bundestag und Bundespräsident Köhler. Das alles blieb nicht ohne politische Folgen: Nach dem Film verknüpften viele Staaten die Auszahlung von Entwicklungshilfegeldern an Uganda an die Bedingung von Waffenstillstandsverhandlungen zwischen der Regierung und der „Lord’s Resistance Army“. Ali Samadi Ahadi: „Es besteht große Hoffnung, dass der im September 2006 ausgehandelte Waffenstillstand eingehalten wird.“

Nach Abschluss der Dreharbeiten hat Regisseur Ahadi Nord-Uganda dreimal besucht. Drei der von ihm gefilmten „Lost Children“ haben ihre Wiedereingliederung recht erfolgreich gemeistert, ein Kind ist verschollen. Besonders freut den Filmemacher, dass das damals 14-jährige Mädchen mittlerweile geheiratet und einen Sohn geboren hat, den die Eltern auf Ali, den Vornamen des Regisseurs, haben taufen lassen.

Pfarrer Holger Teßnow, Vorsitzender der Kammer für Frieden und Umwelt der Lippischen Landeskirche, bewertete im Gespräch mit Regisseur Ahadi den Film als eindringliches Beispiel für eine Mahnung zum Frieden. Die von Ahadi berichteten Verbesserungen der Lebensbedingungen in Nord-Uganda sowie die positive Entwicklung der Kinder seien ermutigende Signale, dass Gewalt überwunden werden könne.

21.11.2006

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