Ein echter Glücksfall: Seltene Madonna für das Weserrenaissance-Museum

Die Kulturinitiative „Die neuen Frauen für Lemgo“ unterstützt das Weserrenaissance-Museum Schloss Brake beim Ankauf einer fein gearbeiteten Madonna aus der Zeit des Bildersturms.

Der Kurator Dr. Heiner Borggrefe weist die „Neuen Frauen für Lemgo“ auf Besonderheiten der Madonna hin – zum Beispiel auf den grandiosen Faltenwurf des Gewandes. Foto: WRM/Herrmann

Lemgo. Sie hat keine Arme und keine Nase mehr – das Jesuskind hat man ihr ebenfalls abgeschlagen. Die Rede ist von einer seltenen und äußerst fein gearbeiteten Madonnen-Figur, die derzeit im Weserrenaissance-Museum im Rahmen der Ausstellung „Mach’s Maul auf – Reformation im Weserraum“ zu sehen ist. Schwere Schäden hat die Madonna vom Anfang des 16. Jahrhunderts davon getragen. Doch es war nicht der Zahn der Zeit, der ihr zugesetzt hat. Aus der Art der Beschädigung lässt sich schließen, dass die Muttergottes ein Opfer der Bilderstürme zur Zeit der Reformation wurde.

Dass dieses seltene und gut erhaltene Kunstwerk aktuell in der Sonderausstellung gezeigt werden kann, verdankt das Museum der Kulturinitiative „Die neuen Frauen für Lemgo“. Dank ihres ehrenamtlichen Engagements ist genügend Geld zusammengekommen, um den Ankauf der Madonna und einer weiteren Heiligenfigur stemmen zu können. „Wir freuen uns sehr über die großartige Unterstützung“, sagt Museumsdirektorin Dr. Vera Lüpkes.

Vermutlich stand die Madonna zuvor in  der Kirche in Nieheim-Entrup im Kreis Höxter. Die Figur stellt eine Muttergottes auf der Mondsichel dar – im späten Mittelalter eines der beliebtesten Bildmotive bei Madonnendarstellungen. Es geht zurück auf eine biblische Szene in der Offenbarung des Johannes. Unter den Füßen, durch das Gewand halb verdeckt, kann man die Reste der Mondsichel erkennen.

Das Jesuskind und die Arme fehlen, auch die Haare und den Mantel haben Bilderstürmer teilweise abgeschlagen.  Die Madonna wurde nicht einfach blindwütig zerstört, sondern gewissermaßen mit Methode “bestraft” - so wie man es damals mit kriminellen Menschen tat. Dieben schnitt man Hände und Nase ab, bei Meineid die Schwurhand, bei Verleumdung die Zunge. Im Mittelalter bestrafte man das „sündige Glied“, das für das Verbrechen verantwortlich war. Verstümmelungen als Strafe – wie sie die Figur hier zeigt – waren im Weserraum typisch für Opfer der Bilderstürme. Mancherorts, wie hier in Lemgo, verbrannte man auch Bilder oder „ertränkte“, wie in Bremen, symbolisch Figuren in der Weser. Wie Priester, Mönche und Nonnen zählten Heiligenbilder und Statuen quasi zum Personal der Kirche. Wie das menschliche Personal verloren sie mit Einführung der Reformation ihre Ehre, also ihre Rechte und konnten ungestraft angegriffen werden. Mit dem Abschlagen von Händen und Nasen sprach man den Heiligen ihre Ehrbarkeit ab und stellt sie damit auf die gleiche Stufe wie die sogenannten „unehrlichen Leute“, also Diebe, Leibeigene, Henker, Spielleute und andere rechtlose Randgruppen.  Die Ausstellung „Mach’s Maul auf – Reformation im Weserraum“ ist noch bis zum 7. Januar zu sehen, und zwar dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.   

23.10.2017 Weserrenaissance-Museum Schloss Brake

  • Twitter
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Windows Live