Die Frau ohne Geld

Heidemarie Schwermer beim Jahresfest der Frauenhilfen

Heidemarie Schwermer (2.von links) berichtete auf dem Jahresfest der Frauenhilfen, das von Bruni Michler, Dorothea Berneking, Pfarrerin Annette Wolf und Erika Rüter (v.l.) vorbereitet worden war.

Kreis Lippe/Horn-Bad Meinberg. „Mir fehlt kein Pfennig zum Glück“ - unter diesem Motto trafen sich am Mittwoch, 27. September, rund 350 Teilnehmerinnen aus Frauenkreisen der lippischen Kirchengemeinden zum Jahresfest der Frauenhilfen. Als Referentin im Bad Meinberger Kurtheater konnte die Ev. Frauenarbeit der Lippischen Landeskirche Heidemarie Schwermer gewinnen.

„Ich lebe seit Jahren ohne Geld und bin glücklich dabei“, verblüffte die 63-jährige ehemalige Grundschullehrerin und Psychotherapeutin ihre Zuhörerinnen. 1994 habe sie in Dortmund den Tauschring „Gib und nimm“ gegründet. Durch Tauschen und Teilen habe sie in der Folgezeit immer weniger Geld zum Leben benötigt. Seit 1996 komme sie gänzlich ohne Geld aus. Außerdem lerne sie durch diese Lebensgestaltung neue und interessante Menschen kennen.

Der Anfang sei schwer gewesen. Manchmal habe sie nicht gewusst, wie sie den nächsten Tag bestreiten und wo sie schlafen sollte. Da sie nicht von Almosen leben wollte, habe sie ihre Fähigkeiten eingesetzt, um für das Lebensnotwendige auf Tauschbasis zu „bezahlen“. Daraus habe sich ihre heutige Art und Weise, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, entwickelt.

Babysitting, Kochen, Altenpflege oder auch mal eine Therapie-Stunde gehören heute zu Heidemarie Schwermers Angeboten. Die Wohnungsfrage hat sie dadurch gelöst, indem sie die Häuser von Bekannten hütet, wenn diese verreist sind. In ihrem großen Bekanntenkreis sei immer eine Wohnung frei, wo sie für einige Tage oder auch Wochen leben könne. Im Laufe der Zeit habe sie es gelernt, sich in fremden Wohnungen schnell zu Hause zu fühlen.

Heidemarie Schwermer ist nicht krankenversichert. Glücklicherweise, so berichtete sie in Bad Meinberg, sei sie in den vergangenen Jahren niemals ernsthaft erkrankt. Außerdem gehe sie mit ihrer Gesundheit sehr bewusst um. Mittlerweile kenne sie einige Ärzte, die sie auf Tauschbasis behandeln würden, was sie bislang aber nicht in Anspruch habe nehmen müssen.

Als „Missionarin“, die alle Menschen zur Geldaufgabe bekehren möchte, versteht sich Heidemarie Schwermer nicht: „Ich weiß, dass nicht jeder Mensch dafür geschaffen ist, ohne Geld zu leben.“ Mit ihrem Leben wolle sie ermutigen und Denkanstöße geben. Der Verzicht auf Geld schränke sie nicht ein, sondern habe sie befreit. Frau Schwermer: „Die Aufgabe des Geldes hat mich in eine neue Lebensqualität gebracht, die mit innerem Reichtum statt äußerem, mit Freiheit statt Abhängigkeit, mit Großzügigkeit statt Horten zu tun hat.“

Ihre Erfahrungen mit einem Leben ohne Geld hat Heidemarie Schwermer in einem Buch zusammengefasst. Das Autorenhonorar hat sie verschenkt. Für ihr Referat in Bad Meinberg erhielt sie ebenfalls ein Honorar – allerdings kein Bargeld, sondern eine große Packung mit gesunder Nahrungsergänzung aus Algen und eine Bahnfahrkarte mit frei wählbarem Ziel, um zum nächsten Vortragsort zu reisen.

29.09.2006

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