Kinder brauchen Herausforderungen

Prof. Schölmerich auf „Kindheit“-Fachtag: „Frustrationsarme Erziehung funktioniert nicht“

Prof. Dr. Doris Bardehle

Lemgo. Kinder sollten lernen, altersangemessene Herausforderungen zu bewältigen. Denn: „Eine frustrationsarme Erziehung funktioniert nicht. Kinder haben dann wenig Grund, auf etwas stolz zu sein.“ Für Prof. Dr. Axel Schölmerich, Entwicklungspsychologe an der Universität Bochum, ist das vor Jahren verbreitete Ideal einer konsequent antiautoritären Erziehung ein Irrweg. Diese Meinung vertrat der Hochschullehrer auf dem Fachtag „Kindheit“ der Evangelischen Familienbildung der Lippischen Landeskirche am Mittwoch, 17. Mai, im Gemeindezentrum St. Johann in Lemgo.

Das Bestehen von Herausforderungen fördere die Entwicklung von Kindern und trage dazu bei, dass die Heranwachsenden lernten, später für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Entscheidend für die Art und Weise der späteren Lebensgestaltung sei die in Kindheit und früher Jugend sich vollziehende Entwicklung der sozialen, kognitiven und emotionalen Anlagen. Während dieser Entwicklung würden die Grundlagen für ein späteres selbstständiges statt fremdgesteuertes Handeln gelegt.

Das Aufbegehren von Kleinkindern während der Trotzphase bewertete Prof. Schölmerich als wichtigen Schritt auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Ebenso normal sei es, wenn Kinder fremdelten. Ein wütendes Kind während der Trotzphase sei genauso wenig ein Grund zur Sorge wie Schüchternheit während des Fremdelns.

Wenn Kinder während ihrer Trotzphase merkten, dass sie mit ihrem Widerspruchsverhalten Erfolge erzielten, würden sie diese Verhaltensweise weiterhin einsetzen. Wenn die Eltern dem Kindeswillen nicht regelmäßig nachgäben, sondern den Kindern Grenzen setzten, verstünden die Kinder dies und die Eltern trügen damit zur Entwicklungsförderung des Nachwuchses bei, unterstrich Schölmerich. Der nächste Schritt – ab etwa dem fünften Lebensjahr – sei es dann, den Kindern Aufgaben beziehungsweise sie vor Herausforderungen zu stellen. Das erfolgreiche Befolgen dieser Instruktionen erfülle die Kinder mit Stolz und vermittele ihnen Selbstvertrauen.

Maßnahmen zur Verbesserung der Kindergesundheit mahnte auf dem Fachtag Professorin Dr. Doris Bardehle vom in Bielefeld ansässigen Landesinstitut für den öffentlichen Gesundheitsdienst an. Konkrete Handlungsfelder seien der Kampf gegen das deutliche bis krankhafte Übergewicht (Adipositas), das Verhüten von Verbrennungen und Verbrühungen sowie Anstrengungen gegen die Säuglingssterblichkeit.

Bei ihrer Einschulung litten 3,6 Prozent der Mädchen und 4,7 Prozent der Jungen in Ostwestfalen-Lippe an Adipositas, sagte Dr. Bardehle. Da diese Prozentzahlen in den vergangenen Jahren stetig angestiegen seien, müsse es als Erfolg gewertet werden, wenn man einen weiteren Anstieg stoppe. Um Verbrennungen und Verbrühungen zu vermeiden, könnte die vorbeugende Brandschutzerziehung intensiviert werden. Insbesondere sei zu überlegen, wie man ausländische Familien besser erreiche. Die für Ostwestfalen-Lippe und auch Nordrhein-Westfalen ermittelte Zahl von 5,8 im ersten Lebensjahr sterbenden Babys auf 1.000 Lebendgeborene sei zu hoch im Vergleich zu Zahlen anderer Bundesländer, kritisierte Prof. Bardehle. Ein Promillesatz von 4 sei zu erreichen, was andere Bundesländer bewiesen hätten. Ein möglicher Lösungsansatz sei, die häusliche Nachsorge für sozialschwache Frauen nach der Entbindung zu verbessern, zum Beispiel durch Familienhebammen.

22.05.2006

  • Twitter
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Windows Live