Willkommenskultur für Flüchtlinge

Marktplatzgespräch im Rahmen der Reihe „ZUSAMMENLEBEN gelingt“

Pfarrer Dieter Bökemeier (stehend) moderierte das Podiumsgespräch mit Sabine Kuhfuß, Frank Gockel und Mukaddas Shukurova (von links).

Kreis Lippe/Detmold. Wie lässt sich eine echte „Willkommenskultur für Flüchtlinge“ im Alltag umsetzen? Mit dieser Frage und weiteren Aspekten der Aufnahme von Flüchtlingen beschäftigte sich das von Pfarrer Dieter Bökemeier (ev.-ref. Kirchengemeinde Detmold-Ost) geleitete „Marktplatzgespräch“ zum Thema „Zusammenleben unerwünscht?“ im Gemeindehaus am Markt. Der große Saal war komplett gefüllt, das Thema stieß auf großes Interesse.

Am Gespräch, das im Rahmen der Reihe „ZUSAMMENLEBEN gelingt“ des Kreises Lippe und der Lippischen Landeskirche stattfand, sollte auch eine Sprecherin des NRW-Innenministeriums teilnehmen, doch musste diese ihre Teilnahme kurzfristig krankheitsbedingt absagen. Die übrigen Gesprächsteilnehmer Frank Gockel (Verein Flüchtlingshilfe Lippe), Sabine Kuhfuß (Ehrenamtliche in der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in der Detmolder Adenauerstraße) und Mukaddas Shukurova (Flüchtling aus Tadschikistan) stimmten darin überein, dass die deutsche Aufnahmepraxis sich zurzeit eher durch eine Abwehr- statt eine Willkommenskultur auszeichne. Allerdings seien seit wenigen Monaten bei den Verantwortlichen in Politik und Verwaltung „kleine Zeichen des Umdenkens“ erkennbar geworden, wie Frank Gockel hervorhob.
Gockel sagte, dass die NRW-Landesregierung schon 2010 auf stark steigende Flüchtlingszahlen hingewiesen habe. Doch weder die Regierung selbst noch nachgeordnete Behörden hätten daraus Konsequenzen gezogen. Und so sei es gekommen, dass die regulären Erstaufnahmeeinrichtungen wie z.B. in Dortmund und Bielefeld im Herbst 2014 überfüllt gewesen seien. Eiligst habe das Land weitere Schutzsuchende auf leerstehende Kliniken in Bad Salzuflen und Oerlinghausen sowie freie, ehemalige Soldatenwohnungen in Detmold verteilt.
Zur Willkommenskultur, so Gockel, gehöre auf jeden Fall, dass man „menschlich mit Menschen umgeht“. Wegen der oftmals jahrelangen Dauer von Asyl- und Duldungsverfahren nehme der Staat in Kauf, dass die Schutzsuchenden über Jahre hinweg in sozialer Isolation leben müssten und abhängig von staatlichen Leistungen seien. So könne Integration nicht gelingen, sagte Gockel. Er plädierte dafür, dass nach ungefähr fünf Jahren Aufenthalt in Deutschland ein Bleiberecht ohne Wenn und Aber ausgesprochen werden sollte. Frank Gockel: „Dann gehören diese Menschen hierher zu uns“.
Mukaddas Shukurova, die vor sieben Jahren mit ihrem Mann und ihren drei Kindern wegen politischer Verfolgung aus Tadschikistan geflohen war, wertete als einen wichtigen Bestandteil einer Willkommenskultur, sich durch Arbeit integrieren zu dürfen. Nach mehreren Jahren der Ungewissheit habe sie im Oktober 2014 endlich eine Altenpflegeausbildung beginnen dürfen. Während Kinder von Asylbewerbern wenigstens die Schule besuchen dürften, bliebe den Erwachsenen nur das Warten darauf, dass die Zeit vergehe. Die Zeit des Wartens werde zudem begleitet von der Angst, abgeschoben zu werden.
„Willkommenskultur bedeutet für mich, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen“, stellte Sabine Kuhfuß fest. Sie engagiert sich zusammen mit 50 weiteren Ehrenamtlichen in der Aufnahmeeinrichtung Adenauerstraße, um die Flüchtlinge bestmöglich in ihrem Ankommensprozess zu unterstützen, z.B. in Form eines ehrenamtlich erteilten Sprachunterrichts. Sabine Kuhfuß: „Integration gelingt am besten, wenn Flüchtlinge von Anfang an Zugang zu Deutschkursen erhalten und möglichst schnell auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen können“.
 

09.02.2015

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