Freigekauft und obdachlos

Jörg Eibisch las aus seiner Autobiografie

Las in Detmold aus seiner Autobiografie: Jörg Eibisch

Detmold. Er war mehr als fünf Jahre in DDR-Gefängnissen inhaftiert, lebte 26 Jahre als Obdachloser in Westdeutschland und schaffte 2005 den Ausstieg: Hinter Jörg Eibisch aus Schwäbisch Gmünd liegt „Ein Leben wie eine Achterbahnfahrt“. Der 59-jährige Autor las in Detmold aus seiner Autobiografie.

Darin schildert er ein Leben voller Höhen und Tiefen. Zu der Lesung hatten das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, die Lippische Landeskirche und die Stiftung „Herberge zur Heimat“ eingeladen. Jörg Eibisch wuchs zu DDR-Zeiten in Wismar auf. Seine Adoptiveltern waren überzeugte Anhänger der SED. Immer wieder kam es zu Konflikten. Als die Einberufung zur Nationalen Volksarmee bevorstand, entschloss sich Eibisch zur Flucht. Seine Versuche misslangen jedoch und brachten ihm mehr als fünf Jahre Haft in den berüchtigtsten Zuchthäusern des Arbeiter- und Bauernstaates ein. Schließlich kaufte ihn die BRD für insgesamt 48.000 DM frei – Eibisch durfte ausreisen.
Nach gescheiterten Versuchen, in Westdeutschland Fuß zu fassen, begann für Jörg Eibisch eine 26 Jahre dauernde Obdachlosen-„Karriere“, die ihn kreuz und quer durch die Bundesrepublik führte. Dabei machte er auch in der „Herberge zur Heimat“ Station. 2005 schaffte Eibisch den Ausstieg: Er beendete sein Leben auf der Straße und wurde sesshaft. Inzwischen berichtet der Schwäbisch-Gmünder auf Buchvorstellungen aus seinem Leben und verkauft eine Obdachlosenzeitschrift. Außerdem bietet er alternative Stadtführungen an, die den Blick auf Armut und Wohnungslosigkeit richten.
Das Buch gewähre Einblicke in sehr unterschiedliche Lebensbereiche und werfe die Frage auf, wie die Gesellschaft mit Obdachlosen umgehe, sagte Dr. Hermann Niebuhr, Leiter der Abteilung OWL des Landesarchivs. Die Lebensgeschichte von Jörg Eibisch beleuchte ein bislang wenig aufgearbeitetes Kapitel zwischen dem Freikaufen aus der DDR und einem Fehlstart im ‚goldenen Westen‘“, erklärte Matthias Neuper, Leiter der „Herberge zur Heimat“. Das Thema sei in der Öffentlichkeit kaum bekannt, ergänzte Jörg Eibisch. Eine stärkere Aufarbeitung sei wünschenswert. „Ich denke, dass sehr viele Menschen das gleiche Schicksal erlebt haben wie ich.“
Der Schreibprozess für seine Autobiografie „Ein Leben wie eine Achterbahnfahrt“ habe drei Jahre gedauert, berichtete der Autor weiter. „Einige Kapitel, vor allem über meine Kinder- und Jugendzeit und die Haftstrafen konnte ich nur schwer aufschreiben.“ Das Buch wird durch einen Anhang zu seinen Katzen ergänzt. Die Tiere seien für ihn ein großer Halt, erklärte Jörg Eibisch: „Für die habe ich schließlich eine Verantwortung.“

 

► zur epd-Meldung

 

 

23.06.2014

  • Twitter
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Windows Live