Leuenberger Kirchengemeinschaft fördert Glaubwürdigkeit und Toleranz

Die Lippische Landeskirche ist im ländlichen Ostwestfalen-Lippe, zwischen Teutoburger Wald und Weser, beheimatet. Zu ihr gehören 58 reformierte, 10 lutherische und eine evangelische Gemeinde mit insgesamt 177 000 Mitgliedern.

Einige alte Gemeindeglieder wissen noch von Zeiten zu erzählen, in denen Familien ihrer reformierten Tochter verbaten, einen lutherischen Mann zu heiraten.

Ein Zeichen dafür, dass das Verhältnis von Lutheranern und Reformierten in Lippe lange durch Ablehnung und Fremdheit geprägt war. Warum es eine andere als die jeweils eigene Konfession geben sollte, war damals vielen Kirchenmitgliedern uneinsichtig. Im Grunde ein Stein des Anstoßes.
Solche Geschichten spiegeln vor allem etwas Atmosphärisches. Sie sprechen von Zeiten, in denen Kirchengeschichte und Machtgeschichte untrennbar waren.

Ein kleiner Blick in die Geschichte der Lippischen Landeskirche veranschaulicht das. Zunächst war die Grafschaft, später das Fürstentum Lippe, lutherisch. Doch 1605 wendete sich das Blatt, als der Graf sich für die reformierte Konfession entschied. Von seiner Entscheidung unberührt blieb die freie Hansestadt Lemgo. Sie blieb lutherisch. So wurde es 1617 vereinbart. Noch heute spiegelt sich das im Melderecht im Kreis Lippe wider. Wer sich in Lemgo evangelisch meldet, wird lutherisch, während in allen anderen Kommunen in Lippe Bürgerinnen und Bürger, die evangelisch ankreuzen, reformiert werden. 1854 wurden dann alle Konfessionen in Lippe gleichgestellt, aber erst 1887 wurde die Lutherische Klasse gebildet.

Christliche Identität beinhaltete also seit der Reformation in Lippe nicht nur die Kenntnis der eigenen Konfession, sondern auch die Auseinandersetzung mit dem Glauben der Nachbarn mit anderem Bekenntnis. So erlangte beides, die reformierte Tradition und das lutherische Bekenntnis mehr Bewusstsein als in anderen Gebieten der Reformation. Heidelberger Katechismus und Kleiner Katechismus sind in gleicher Weise bekannt.
Da aber der lutherische Anteil der Bevölkerung so viel geringer war, wurde in der Auseinandersetzung auch viel Abgrenzung und Ablehnung erfahren. Reformiert sein bedeutete auch, nicht lutherisch sein. Lutherisch bekennen, hieß auch, nicht reformiert sein. So gab es neben den guten Auswirkungen des Nebeneinanders der Konfessionen auch viele leidvolle Erfahrungen, die vor allem an der Basis als leidvolles Gegeneinander der Konfessionen erlebt wurden. Solches Gegeneinander von Menschen mit unterschiedlichem Bekenntnis innerhalb einer Kirche schadet aber langfristig der Glaubwürdigkeit dieser Kirche. Im Urteil über die Glaubwürdigkeit von Kirche wird ja erfahrungsgemäß nicht nach Konfession unterschieden und sorgfältig differenziert, wer für welche Glaubensrichtung steht. Im Gegenteil, da haften alle für die Konsequenzen der Fehler anderer Kirchen.


Diejenigen Menschen in der Gesellschaft, die sich eher am Rande der Kirchen verorten, haben andere Erwartungen als die Auseinandersetzung um theologische Fragen des Abendmahlverständnisses, des Amtsverständnisses und der kirchlichen Ordnungen, als das Erleben von Machtkämpfen um kirchenleitende Ämter und von komplizierten Wegen, um den richtigen Ansprechpartner zu finden.
Daher ist es ein Segen, dass die Lippische Landeskirche sich am Prozess der Annäherung von Anfang an beteiligt und die Leuenberger Konkordie 1973 als erste Kirche unterzeichnet hat. Sie hat zu der Anerkennung der jeweils anderen Konfession und zur Toleranz innerhalb Lippes wesentlich beigetragen. Heute wird man in Lippe keine Familie mehr finden, die ein Veto einlegt, wenn der Bräutigam ein anderes Bekenntnis hat als die Braut. Heute freut man sich, wie in ganz Deutschland, wenn überhaupt eine kirchliche Bindung besteht.

Innerhalb der Lippischen Landeskirche hat Leuenberg dazu geführt, dass die gute Zusammenarbeit zwischen Lutheranern und Reformierten selbstverständlicher Alltag geworden ist. Kirchenvorstände achten bei der Besetzung ihrer Pfarrstellen vor allem darauf, dass die Pastorin oder der Pastor für die Gemeinde geeignet ist. Inzwischen sind sie froh, wenn sie überhaupt noch ihre Pfarrstellen besetzen können. Das Bekenntnis und in welcher Konfession die Ordination stattgefunden hat, ist da in der Regel zweitrangig geworden. Es gibt reformierte Pastorinnen und Pastoren, die in lutherischen Gemeinden arbeiten und umgekehrt.
Aufgrund der Leuenberger Konkordie war es einer reformierten und einer lutherischen Kirchengemeinde aus Bad Salzuflen möglich, sich zu einer evangelischen Kirchengemeinde zusammen zu schließen.

Neben diesen innerkirchlichen Annäherungen ist es der Leuenberger Kirchengemeinschaft auch zu verdanken, dass in der Lippischen Landeskirche der konziliare Prozess und die kirchliche Partnerschaftsarbeit eine große Bedeutung haben.
Im Osteuropaforum werden Partnerschaften zu Lutheranern und Reformierten in Litauen gepflegt und es wird versucht, von den guten Erfahrungen in Lippe auch Impulse in die Partnerkirchen zu geben.
Im Südafrikaforum kommen Partnerschaftsgruppen zusammen, die sowohl zur reformierten als auch zur lutherischen Kirche in Südafrika Gemeindepartnerschaften haben. Kampagnen im Bereich Klimaschutz und weitere Projekte, in denen die Weltverantwortung wahrgenommen wird, werden von Lutheranern und Reformierten gemeinsam durchgeführt. Das in den frühen 90igern gegründete Ökumenische Forum „Flüchtlinge in Lippe“, in dem auch mit anderen Kirchen zusammen gearbeitet wird, hat in seiner 20-jährigen Geschichte viele Flüchtlinge im Kreis Lippe unterstützt.


Die Synode der Lippischen Landeskirche hat immer wieder erlebt, dass eine Grundlage für gemeinsames relevantes und glaubwürdiges Handeln der Lippischen Landeskirche der Umgang mit den unterschiedlichen Konfessionen ist. Da, wo es gelingt, wertschätzend, tolerant, verstehend miteinander umzugehen, ist es möglich, tatkräftig gemeinsam in der Region Lippe kirchliche Verantwortung wahrzunehmen.
Wo es misslingt und Konfessionen sich gegenseitig ablehnen und die Besonderheit der anderen ignorieren, steht die Glaubwürdigkeit des gemeinsamen Zeugnisses auf dem Spiel.
Daher fordert das 40-jährige Jubiläum der Leuenberger Konkordie dazu heraus, die Diskussion um innerkirchliche konfessionelle Uneinigkeiten immer auch daraufhin zu überprüfen, ob sie die Glaubwürdigkeit unseres gemeinsamen Bekennens in der Welt fördert.


Detmold, Februar 2013
Kornelia Schauf
Landespfarrerin für Ökumene und Mission
 

22.02.2013

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