Menschen, die verstummt sind

Landeskirchlicher Gedenkgottesdienst zum Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz

Stühle im Altarraum der evangelisch-lutherischen Kirche am Sedanplatz erinnerten an die jüdischen Mitbürger, denen im Nationalsozialismus der „Stuhl vor die Tür gestellt“ worden war, die ausgeschlossen und schutzlos waren.

Kreis Lippe/Lage. In der Kirche hängen Bilder. Bilder von Häusern, in denen jüdische Mitbürger in Lippe lebten, bevor sie von den Nazis vertrieben oder ermordet wurden. Im Altarraum stehen leere Stühle, um an diese Menschen zu erinnern, denen „der Stuhl vor die Tür gestellt“ wurde, die ausgeschlossen und schutzlos waren. In einem bewegenden Gottesdienst in der evangelisch-lutherischen Kirche am Sedanplatz in Lage wurde am Freitag, 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gedacht.

„Die Bilder, die Sie in der Kirche sehen, sollen uns einstimmen auf das, was Menschen anderen Menschen angetan haben“, erklärte Pfarrer Richard Krause, der die Liturgie des Gottesdienstes gestaltete. Pfarrer Maik Fleck aus Horn, Beauftragter der Lippischen Landeskirche für christlich-jüdische Zusammenarbeit, sprach in seiner Predigt über das Schicksal Isaaks (1. Mose 22). Abraham war bereit, seinen Sohn Isaak Gott zu opfern, bis der Engel des Herrn ihm Einhalt gebot. „Jüdische Menschen haben diesen Text gelesen auf dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen, immer wieder angegriffen, verfolgt, getötet worden zu sein.“ Ihnen sei es schlimmer ergangen als Abraham und Isaak, ihre Kinder seien hingeschlachtet und Menschen ans Messer geliefert worden. „Für viele ging das Leben im Schornstein der Konzentrationslager in Rauch und Asche auf.“ 

Isaak, der überlebt hat, sei nach seinem Erlebnis auf der Opferstätte verstummt, auf dem Rückweg habe er nicht mehr geredet. „Isaak wird gezeichnet sein für sein Leben, er wird immer der Gezeichnete sein, so wie die Menschen, die damals aus den Konzentrationslagern befreit worden sind, gezeichnet geblieben sind.“ Menschen, die verstummten, und ihren Kindern und Enkeln nicht erzählen konnten, was geschehen war, „weil das Grauen bis heute die Seele umfängt.“ 

Im Gottesdienst stellte Pfarrer i.R. Martin Hankemeier das Projekt einer Gedenkstele für den Friedenspark Lage vor, zur Erinnerung an die Bürgerinnen und Bürger aus Lage, die als Juden unter der NS-Diktatur ermordet wurden. An der Stele soll eine Tafel mit den Namen, Lebensdaten und Sterbeorten von bisher 21 bekannten zu Tode gekommenen ehemaligen Lagenserinnen und Lagensern angebracht werden. Die Stele wird von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lippe e.V. verantwortet und in Zusammenarbeit mit der Stadt Lage errichtet. Wer sich an diesem Projekt beteiligen möchte, kann dies tun unter dem Stichwort „Gedenkstele in Lage“ bei der Sparkasse Detmold, KN: 3003829, BLZ: 47650130.

 

 

 

30.01.2006

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