„Kirchen als Orte der Sammlung und Ruhe“

Landessuperintendent i.R. Dr. h.c. Gerrit Noltensmeier wird 70

Kreis Lippe/Detmold. Der ehemalige Landessuperintendent der Lippischen Landeskirche, Dr. h.c. Gerrit Noltensmeier, begeht am 30. Juli seinen 70. Geburtstag. Neun Jahre stand er an der Spitze der Lippischen Landeskirche, 2005 trat er in den Ruhestand.

Herr Noltensmeier, fiel Ihnen die Umstellung vom Arbeitsleben in den Ruhestand schwer?

Noltensmeier: „Ich habe anderen früher oft und gerne geraten, sich rechtzeitig Gedanken zu machen, was nach der Arbeit kommt, und habe mich dann selbst nicht so sehr deutlich daran gehalten. Ein rabiater Schnitt wäre für mich sicher nicht bekömmlich gewesen. Doch das war nicht der Fall, da ich noch vier Jahre dem Rat der EKD angehörte. Dort hatte ich einige umfangreiche Zusatzaufträge. Weiterhin bin ich sehr gerne den vielen Einladungen in Gemeinden gefolgt, um dort zu predigen oder Vorträge zu halten. Der 70. Geburtstag soll für mich nun Anlass sein, auch hier einen Schnitt zu machen.“

Wird es ein kompletter Schnitt oder wird man Sie, wenn auch seltener, noch ab und zu in Gottesdiensten erleben können?

Noltensmeier: „Verantwortung für Gottesdienste: Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Man muss kontinuierlich dabei bleiben. Ich möchte den Schnitt jetzt ziehen, bevor ich das Gefühl habe, den fremden oder eigenen Ansprüchen nicht mehr genügen zu können. Es gibt nur noch eine Ausnahme, und das außerhalb Lippes: ich werde im Herbst in einer Gemeinde in Thüringen für neun Wochen eine Vertretung annehmen. Es ist eine schöne Aufgabe, mit den Menschen in den östlichen Bundesländern Kirche zu leben und zu gestalten.“

Sie waren bis vor anderthalb Jahren der Sudan-Beauftragte der EKD. Wie beurteilen Sie die Chancen für Stabilität und Frieden im neuen Staat Südsudan?

Noltensmeier: „Da mischen sich kühne Hoffnungen mit größter Besorgnis. Die Spannungen zwischen Norden und Süden sind explosiv. Auch unter den Stämmen des Südens gibt es viel Misstrauen. Die neue Führungsschicht hat den Übergang von der Befreiungsbewegung hin zum Gestalten und Verantworten eines gerechten Friedens nicht geschafft. Aber es gibt keine Alternative. Modelle, die auf einer föderalen Struktur bei einer fortdauernden Einheit des Landes basierten, sind gescheitert. Man kann nur hoffen, dass der eingeschlagene Weg gelingt. In diesem Zusammenhang sind die Erwartungen an Deutschland groß. Wir haben dort keine Kolonialgeschichte, sind nicht so wie andere in das Ölgeschäft verstrickt. Eine wichtige Arbeit leisten evangelische Hilfswerke wie Brot für die Welt und der Evangelische Entwicklungsdienst. Sie bewirken sehr viel Gutes, etwa im Gesundheits- und Schulwesen, in der Landwirtschaft und im Fördern verschütteter Möglichkeiten der Menschen im Land – und immer gemeinsam mit den Partnern vor Ort.“

Welche Rolle spielen die christlichen Kirchen im afrikanisch geprägten Südsudan?

Noltensmeier: „Etwa ein Drittel der rund sechs bis sieben Millionen Einwohner gehört zu einer christlichen Kirche, z.B. der katholischen, der episkopalen oder der presbyterianischen. Die Kirchen genießen Achtung. Sie stellen ein starkes Netzwerk dar. Sie gehen ihren Weg in kritischer Unabhängigkeit gegenüber der führenden Schicht. Sie können das nur in ökumenischer Offenheit füreinander und in dem Ringen um Gemeinsamkeit. Das ist nicht immer leicht.“

Und wie sehen Sie die Rolle der christlichen Kirchen in Deutschland in den kommenden Jahren?

Noltensmeier: „Die Kirchen werden kleiner werden, die öffentliche Resonanz wird abnehmen. Ich hoffe, dass die Kirchen in dieser hektischen und bunten Zeit Orte der Sammlung, der Besinnung und der Ruhe werden, in denen die Menschen solidarisch miteinander unterwegs bleiben mit Fragen, die über den nächsten Tag und die sichtbare Welt hinaus reichen. Die Wirkung spektakulärer Events verpufft rasch. Ich hoffe, dass eine profilierte, biblisch gegründete Theologie zu ökumenischer Weite und offener Gesprächsbereitschaft ohne Besserwisserei und moralischen Hochmut führt.“

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