Kirchenasyl in Detmold-Ost

Unterstützerkreis kümmert sich um 35-jährige Tschetschenin

Detmold. Seit Donnerstag, 6. Mai, gewährt die evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Detmold-Ost einer 35-jährigen Frau aus Tschetschenien Kirchenasyl. Nach einer zweijährigen Odyssee durch Europa und mehreren Suizidversuchen sollte Frau I. an diesem Tag aus einem Detmolder Krankenhaus heraus in Abschiebehaft genommen werden. Durch das Kirchenasyl konnte dieses in der letzten Minute verhindert werden. Inzwischen hat sich ein großer Unterstützerkreis gebildet. Er sorgt u.a. dafür, dass rund um die Uhr ein Ansprechpartner für Frau I. im Gemeindehaus Talstraße anwesend ist und dass auch medizinische Betreuung organisiert wird.

Frau I. sollte nach Polen abgeschoben werden, da dieses EU-Land derzeit für das Asylverfahren zuständig ist. Die Angst vor einer möglichen Abschiebung hatte sie aber schon monatelang krank gemacht. Zuvor war sie durch eine erste Abschiebehaft in Polen nach schlimmen Erfahrungen im Bürgerkriegsland Tschetschenien erneut traumatisiert worden. Schließlich wäre sie auch von ihrer Tochter (18 J.) getrennt worden, die in Detmold ein Aufenthaltsrecht hat. Ihr heute 10-jähriger Sohn, der alles miterlebt hatte, wäre zusammen mit der Mutter wieder in ein polnisches Abschiebegefängnis gekommen. Er ist derzeit in Obhut der Stadt Detmold in einem Kinderheim untergebracht.
„Wir sahen unseren jetzigen Gast im Falle einer Abschiebung im hohen Maße suizidgefährdet“, so Pfarrer Dieter Bökemeier, der auch der Flüchtlingsbeauftragte der Lippischen Landeskirche ist. „Nicht umsonst war Frau I. mehrfach und auch zuletzt in der geschützten Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses untergebracht.“ Da trotzdem ein Abschiebehaftantrag durch das Ausländeramt der Stadt Detmold gestellt und eine Haftprüfung anberaumt worden sei, stand zu befürchten, dass die Patientin aus dem Krankenhaus heraus abgeholt worden wäre.
Aber selbst nach Beginn des Kirchenasyls sah es zunächst 1 ½ Stunden so aus, als ob dieses gleich durch die Behörden aufgelöst würde. Der Haftrichter hatte die Vorführung von Frau I. aus dem Kirchenasyl verfügt. Anscheinend erst nach Intervention der Abgeordneten Sigrid Beer vom Petitionsausschuss des Landtages über das Innen- bzw. Justizministerium NRW zog das Ausländeramt seinen Haftantrag zurück.
Das Ziel des Kirchenasyls ist es nun, dass Frau I. sicher und in Ruhe zumindest bis Ende Mai im Gemeindehaus bleiben kann. Die Unterstützer hoffen, dass sie nach einer am 30. Mai ablaufenden Frist ihr Asylverfahren endlich ganz normal in Deutschland betreiben und schließlich hier bleiben kann.
Während des Kirchenasyls ist nun auch aus gesundheitlichen Gründen immer ein Mitglied des Unterstützerkreises anwesend. „Es ist sehr ermutigend, dass sich spontan über 40 Personen gefunden haben, die das Kirchenasyl aktiv unterstützen. Es sind ganz unterschiedliche wunderbare Leute engagiert, aus unserer Gemeinde und weit darüber hinaus“, freut sich Bökemeier. Um Geldspenden wird aber auch gebeten, denn die Kirchengemeinde muss für alle Kosten aufkommen (Konto 45120 bei der Sparkasse Detmold, BLZ 476 501 30, Stichwort „Kirchenasyl“).

19.05.2010

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