Einheit von Glaube und Vernunft

„Christuskirchen-Gespräch“ über Schöpfung und Evolution

Pfarrer Nils Huchthausen (links, ev.-ref. Kirchengemeinde Detmold-West) und Frank Huismann (rechts, Naturwissenschaftlicher und Historischer Verein Detmold) moderierten die Diskussion zwischen Ralf Seutter, Friedhelm Kraft und Klaus Reinhold (von links).

Kreis Lippe/Detmold. Sind der Glaube an die göttliche Schöpfung und die naturwissenschaftlichen Erklärungen der Evolutionstheorie vereinbar? Hat die wissenschaftliche Sicht auf die Entwicklung der Lebewesen alleinige Gültigkeit?

Mit diesen Fragen setzten sich der evangelische Theologe Prof. Dr. Friedhelm Kraft (Religionspädagogisches Institut Loccum), der Evolutionsbiologe Prof. Dr. Klaus Reinhold (Universität Bielefeld) und der Biologielehrer Ralf Seutter (private christliche „Georg-Müller-Gesamtschule“, Bielefeld) während des „Christuskirchen-Gesprächs“ am Dienstag, 3. November, in der Detmolder Christuskirche auseinander.
Ralf Seutter bekräftigte, dass für ihn der „Glaube an den personalen Schöpfer Kern des Christentums“ sei. Die „ganze Schöpfung“ könne man nicht naturwissenschaftlich erklären. Die von Charles Darwin vor 150 Jahren durch die Veröffentlichung seiner Untersuchung „Über die Entstehung der Arten“ begründete Evolutionsbiologie lasse auch heute noch „Lücken, die wir nicht erklären können.“ Zwar seien die Erklärungsmängel der Evolutionstheorie kein Beweis für das Wirken eines eingreifenden Schöpfers, aber die Evolutionsbiologen könnten zum Beispiel nicht schlüssig darlegen, wie und warum „die erste Zelle“ entstanden sei. Die Evolutionsbiologie gründe unter anderem auf der Annahme, dass einige Arten ausgestorben seien, weil es ihnen nicht gelungen sei, sich an veränderte Lebensbedingungen anzupassen. Die überlebenden und besser angepassten Arten hätten sozusagen vom Tod ihrer Konkurrenten profitiert. Ein solches „naturalistisches Weltbild“ widerspreche seiner christlichen Überzeugung, sagte Ralf Seutter: „Die Evolutionslehre basiert auf Tod und Konkurrenz. Wenn das der Antrieb der Natur- und Menschheitsgeschichte ist, kann es keine Erlösung geben.“
Prof. Klaus Reinhold widersprach Seutter mehrfach deutlich. Es sei vollkommen unstrittig, dass sich im Verlauf von Millionen von Jahren die Arten weiterentwickelt hätten. Unangepasste Arten seien selektiert worden bzw. ausgestorben. Die Evolutionstheorie sei keine Behauptung, die man glauben könne oder nicht, auch wenn der allgemeine Sprachgebrauch des Wortes „Theorie“ dies nahelege. In der Wissenschaft bedeute der Begriff Theorie „bestmögliches Wissen“ und in der Biologie gebe es „keine vernünftige Alternative zu den Grundgedanken Darwins“. Die von Gegnern der Evolutionsbiologie immer wieder zitierten „Lücken“ gebe es überhaupt nicht.
Prof. Reinhold erinnerte an Galileo Galilei und folgerte aus dessen Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche: „Die Religion soll sich nicht auf naturwissenschaftliches Gebiet vorwagen. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit der Religion.“
Prof. Friedhelm Kraft führte aus, dass der biblische Schöpfungsbericht ein Glaubensbekenntnis sei, um zur Zeit seiner Niederschrift das Volk Israel an die Nähe und Allgegenwart Gottes zu erinnern: „Der Schöpfungsbericht entgöttert Sonne und Mond.“ Schöpfungsbericht und Evolutionslehre könnten selbstverständlich Gegenstand des schulischen Unterrichts sein, aber von den Schülern anschließend zu verlangen, sich für das eine oder das andere zu entscheiden, sei „Unsinn“. Kraft wertete Religion und Naturwissenschaft als unterschiedliche „Weltzugangsweisen“. Man dürfe sie weder sprachlich noch begrifflich miteinander vermischen. Eine „christliche Biologie“ gebe es nicht.
Es falle nicht jedem leicht, eine religiös begründete Weltbetrachtung und eine naturwissenschaftliche Denkweise zu vereinen. Weitaus verbreiteter sei die Meinung, dass sich Glaube und Vernunft wechselseitig ausschlössen. Für ihn sei es hingegen kein Widerspruch, einerseits die Wahrheit der Evolutionsbiologie anzuerkennen und gleichzeitig Gott für die Schöpfung zu danken.

06.11.2009

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