„Die Würde, Gebende sein zu können“

Landessuperintendent Dr. Martin Dutzmann zu Gast bei den Partnerkirchen in Togo und Ghana

Das Bildungsprojekt COPFEDES in Togo: Mitarbeitende vermitteln Kindern spielerisch Informationen über die anstehenden Wahlen.

Kreis Lippe. Bitterste Armut, Kinder, die arbeiten müssen, Menschen, die krank sind und bleiben, weil Gesundheit ein teures Gut ist – und dennoch sonntags stundenlange Gottesdienste voller Fröhlichkeit und Musik: Landessuperintendent Dr. Martin Dutzmann bereiste Anfang September die westafrikanischen Länder Togo und Ghana. Er war dort gemeinsam mit 4 weiteren Repräsentanten der Norddeutschen Mission und ihrer Trägerkirchen, zu denen die Lippische Landeskirche gehört. Die Norddeutsche Mission unterstützt in Togo und Ghana Entwicklungshilfeprojekte. Darüber hinaus ist die Lippische Landeskirche der Evangelisch-presbyterianischen Kirche Ghana und der Eglise Evangélique Presbytérienne du Togo partnerschaftlich verbunden.

Dr. Dutzmann, eine 14-tägige Reise durch Togo und Ghana, afrikanische Länder, in denen die Menschen mit Problemen wie größter Armut und HIV/Aids kämpfen, -  relativiert sich da einiges von unseren Problemen?

„Es ist schwierig, die Dinge eins zu eins miteinander zu vergleichen. Aber als ich wieder am Schreibtisch saß und nach den unmittelbaren Eindrücken aus Afrika die Akten von 14 Tagen vor mir hatte, kam mir das erst mal alles unwirklich vor.“

Togo ist nach Jahren der Diktatur ein Land mit unklaren politischen Verhältnissen, das demokratische Ghana hingegen gilt als stabilisierender Faktor und Muster-Entwicklungsland in Südwestafrika. Macht sich das bemerkbar?

„Togo ist deutlich ärmer und nicht in der Weise politisch und infrastrukturell geordnet wie Ghana. Das sieht man schon an den Straßen. In Togo gibt es wenig ausgebaute Fernstraßen, während in Ghana die Straßen fast durchgehend asphaltiert sind. Deprimierend war der Besuch im Bethesda-Krankenhaus, das in Trägerschaft der Partnerkirche in Togo ist. Von 20 Patienten ist nur einer in der Lage, die Krankenhauskosten zu bezahlen. Versichert sind die wenigsten. Wegen des mangelnden Geldes funktionieren medizinische Apparate, zum Beispiel zum Röntgen, seit Monaten nicht. Unsere Partnerkirche muss sich jetzt überlegen, ob sie dieses Krankenhaus weiter betreiben kann oder nicht. “

Welche Bedeutung haben unsere Partnerkirchen in ihren jeweiligen Ländern?

„Beide Kirchen setzen sich sehr intensiv mit gesellschaftlichen Fragen auseinander. In Togo stehen im Oktober auf dem Weg zu einer Demokratisierung unter schwierigen Bedingungen Parlamentswahlen an, die schon mehrfach verschoben wurden. Auch die togoische Kirche ist mit der Vorbereitung befasst, stellt zum Beispiel Wahlbeobachter. Außerdem sind beide Kirchen intensiv am Kampf gegen HIV/Aids beteiligt und leisten Entwicklungshilfe.“

Sie haben verschiedene kirchliche Projekte besucht, die unter anderem von der Norddeutschen Mission und vom Ev. Entwicklungsdienst unterstützt werden. Wie sind hier Ihre Eindrücke?

„Sehr gut. Da ist unter anderem das Projekt COPFEDES (Evangelischer Frauenverband für Entwicklung und Solidarität) in Togo. Es geht um gesundheitliche Bildung und die Bildung von Kindern. Die Mitarbeitenden versuchen, über Kinder und Frauen Wissen in die Dörfer zu transportieren. Das geschieht durch ganz anschauliche Informationen, Sketche  und Lieder zum Beispiel. Ganz konkret geht es jetzt um die anstehenden Wahlen. Mit Kindern aus einem Dorf wurden Konfliktsituationen zwischen Wahlkandidaten gespielt und Lösungsmöglichkeiten spielerisch erprobt. Ziel ist, dieses Verhalten auch den Eltern über ihre Kinder nahe zu bringen – ein hochinteressanter Zugang. Darüber hinaus gibt COPFEDES weitere Hilfen, zeigt, wie man einen Brunnen baut oder auch einen Ofen, so dass das Holz vernünftig ausgenutzt wird.“
Sie waren auch im Berufsausbildungszentrum Alavanyo in Ghana, das vom Eine-Welt-Laden Alavanyo in Detmold unterstützt wird. Wie ist dort der Stand der Dinge?
„Im Bau ist ganz aktuell– auch mit Geld aus dem Detmolder Eine-Welt-Laden – ein neues Haus, in dem an Computern unterrichtet werden kann. Der Rohbau steht. Bereits seit Jahren gibt es in Alavanyo eine Schneiderei, eine Elektrofachwerkstatt oder auch eine Küche, wo junge Leute ausgebildet werden. Es gibt jetzt Bestrebungen, Alavanyo zu einer Art Fachhochschule zu erweitern. Die Bedeutung der Schule ist groß, junge Leute kommen aus ganz Ghana, um sich dort ausbilden zu lassen.“
Auf ihrer Reise haben Sie auch das Leben in den Kirchengemeinden erlebt. Was für Eindrücke haben Sie hier mitgebracht? 
„Das Gemeindeleben insgesamt ist außerordentlich lebendig. In Accra/Ghana  haben wir einen Gottesdienst gefeiert, fünf Stunden lang und keinen Augenblick langweilig. Drei Stunden dauert ein Gottesdienst eigentlich immer, er ist die Alternative zum bedrückenden Alltag, in dem die Menschen nicht wissen, wovon sie leben sollen, in dem, wie wir gesehen haben, in Lomé/Togo auf dem Markt ganz selbstverständlich die Kinder Altkleider verkaufen, damit die Familie über die Runden kommt.“
Das klingt, als käme dem Gottesdienst eine besondere Bedeutung zu?

„Im Gottesdienst bekommen die Menschen ihre Würde zurück. Dann tragen sie ihre afrikanischen Kleider, selbst geschneidert, wunderschön mit diesen bunten Stoffen. Bei der Kollekte tanzen sie nach vorne zum Abendmahlstisch und legen ihre Gabe in den Korb. Menschen, die zum Teil bitter arm sind. Aber in diesem Augenblick haben sie die Würde, Gebende sein zu können.“

 

Aktuell sind weite Teile Afrikas, darunter Togo und Ghana, von einer Flutkatastrophe betroffen. Die Norddeutsche Mission bittet um Spenden unter dem Stichwort „Flut“ auf ihr Konto 107 27 27 bei der Sparkasse in Bremen BLZ 290 501 01.

 

21.09.2007

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